Begegnung mit einer Legende des Bergsteigens
Reinhold Messner hat Bergsteigergeschichte geschrieben: Als erster Mensch bestieg er alle vierzehn Achttausender der Erde – ohne Flaschensauerstoff. Der Pionier der Vertikalen zog danach durch Wüsten, Pole und endlose Eiswelten. Anlässlich seiner Reise in die Arktis an Bord der Le Commandant Charcot spricht er über seine Sicht auf die Welt – geprägt von Geduld, Respekt und Demut.
Wie entstand Ihre Leidenschaft für die Berge und das Abenteuer?
Das ist ganz einfach: Ich bin in den Dolomiten aufgewachsen – für mich die schönsten Berge der Welt. Nicht die höchsten, aber die schönsten. Mein Vater nahm mich mit fünf Jahren auf meinen ersten Dreitausender mit. Schon früh verstand ich: Die Berge sind kein Wettkampffeld, sondern ein Raum der Freiheit. Mit fünfzehn begann meine Leidenschaft für das Klettern – nie als Sport, sondern als inneres Abenteuer. Eine Begegnung mit sich selbst und mit der Natur.
Erste Kletterversuche am Fuße der Geislerspitzen in den Dolomiten
Ihr Weg ist geprägt von extremen, manchmal tragischen Expeditionen. Was nehmen Sie aus diesen Jahren mit?
Ich habe immer neue Wege gesucht, eigene Linien gezogen. Am Nanga Parbat verlor ich meinen Bruder – diese Erfahrung hat mein Leben von Grund auf verändert. Ich verstand: Abenteuer bedeutet zuerst überleben, nicht siegen. Zwanzig Jahre lang, vom Everest bis zu den Anden, suchte ich die Einfachheit: weniger Ausrüstung, mehr Verantwortung. Die Leistung hat mich nie interessiert. Was zählt, ist die Beziehung zum Berg. Eine Beziehung, die rau ist und aufrichtig.
Was fasziniert Sie an der Arktis?
Die Arktis ist für mich noch faszinierender als die großen Gipfel. Ich habe mehrere Expeditionen dorthin unternommen – nach Grönland, in das Franz-Josef-Land, zum Nordpol. Manche sind gescheitert, andere gelungen, aber alle haben mich dasselbe gelehrt: In diesen Gefilden ist jeder Schritt eine Lektion in Bescheidenheit. Man betritt eine Welt ohne feste Konturen, in Bewegung, wo das Eis atmet und sich wandelt. Was mich daran begeistert, ist diese Idee eines Weges ohne Gewissheit – der Mensch ist hier kein Eroberer, sondern ein Gast.
Hubert und Reinhold Messner auf dem Weg zum Nordpol, 1995
Sie sprechen oft von der „Kunst des Abenteuers“. Was meinen Sie damit?
Die Kunst des Abenteuers ist, an den richtigen Ort zu gehen, ihn nicht zu verändern und lebendig zurückzukehren. Es ist eine Schule der Langsamkeit und der Stille. Geduld, Unvorhersehbarkeit und manchmal das Loslassen gehören dazu. Der moderne Abenteurer will alles messen: Geschwindigkeit, Leistung, Erfolg. Ich glaube jedoch, dass das wahre Abenteuer dort beginnt, wo die Kontrolle aufhört. Warten gehört zur Kunst des Überlebens. Und Überleben ist bereits eine Kunst.
„Die Kunst des Abenteuers ist, an den richtigen Ort zu gehen, ihn nicht zu verändern und lebendig zurückzukehren.“
Was hat Ihnen der Kontakt mit Kräften wie dem Berg, dem Eis, der Höhe beigebracht?
Ich habe gelernt, dass die Natur unendlich größer ist als wir. Sie erschafft und zerstört in einem Maßstab, der unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Der Klimawandel ist real – aber er verlangt Genauigkeit, bevor man urteilt. Das Bergsteigen hat mir Bescheidenheit beigebracht: zu akzeptieren, dass man nicht alles beherrschen kann. In der Kälte, im Sturm, wird der Mensch wieder zum verletzlichen Wesen. Vielleicht findet er sich genau dort wirklich.
Heute widmen Sie sich der Weitergabe. Wie setzen Sie ihr Werk fort?
Ich erzähle weiter Geschichten – in Büchern, Vorträgen und den Bergmuseen, die ich ins Leben gerufen habe (siehe Infokasten). Das kürzlich eröffnete Reinhold Messner Haus ist der Beziehung zwischen Mensch und Natur gewidmet. Ich möchte zeigen: Der Berg ist keine Kulisse, sondern ein Spiegel. Ich bin überzeugt, dass man nur schützt, was man kennt und liebt. Deshalb spreche ich ebenso von der Verletzlichkeit der Welt wie von ihrer Schönheit. Künftige Generationen müssen lernen, zu beobachten, bevor sie handeln.
Reinhold Messner begleitet einen Yak-Trieb bei Sulden im Südtiroler Vinschgau.
Sie sagen oft, Sie seien ein gewöhnlicher Mensch. Ist das Bescheidenheit – oder tiefe Überzeugung?
Eine Überzeugung. Ich habe keine außergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten. Mein einziges Geheimnis ist der Minimalismus: mit wenig auskommen, um vollständig verantwortlich zu bleiben. Diese Reduktion hat mir gezeigt, dass das Wesentliche des Abenteuers nicht in der Leistung liegt, sondern im Bewusstsein. Was ich immer mit mir trage, sind meine Geschichten: Sie sammeln sich an, setzen sich ab – und tauchen manchmal wieder an die Oberfläche.
Das Reinhold Messner Haus
Es ist Reinhold Messners persönlichstes Projekt. Im Herzen der Dolomiten, in Südtirol gelegen, erzählt das Reinhold Messner Haus von seinen Anfängen – vom Kletterer zum Bergsteiger, dann zum Weltentdecker.
Die Suche nach Süd- und Nordpol, Expeditionen in einige der entlegensten Regionen der Erde: Dieser Ort lädt jeden Besucher ein, etwas in sich selbst zu entdecken – und gibt zugleich Einblick in das außergewöhnliche Leben einer Legende.
Fotos: Ronny Kiaulehn ; Reinhold Messner.
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