Das Volk der Vezo auf Madagaskar
Gegenüber dem mosambikanischen Festland, entlang der smaragdgrünen Gewässer der südwestlichen Küste Madagaskars, leben die Vezo – eines der ältesten Völker dieser Region. Sie sind eine Gemeinschaft traditioneller Fischer und leben halbnomadisch in diesem Gebiet. Sie verbindet ein tiefes Wissen über das marine Ökosystem mit ihrer Region. Auf einer Reise durch die Seegebiete Madagaskars begegnen wir ihnen von Angesicht zu Angesicht.
Die Besiedelung Madagaskars: von den Ntaolo zu den Vezo
Unter den 18 Ethnien Madagaskars gehören die Vezo zu den ältesten. Am Anfang standen die Ntaolo – auch Vahoaka Ntaolo genannt – „die Menschen von früher“: jenes erste austronesische Volk, das zu Beginn unserer Zeitrechnung auf Auslegerkanus von den indonesischen Inseln an der Westküste Madagaskars anlandete. Mit der Zeit vergrößerten sie ihren Siedlungsbereich. Die Vazimba, „jene des Waldes“, wandten sich dem Landesinneren zu und wurden Jäger, Sammler und Ackerbauern. Die Vezo hingegen, „jene der Küste“, blieben den Ufern treu – als unerschrockene Fischer, die ihr Schicksal dem Indischen Ozean anvertrauten. Heute leben einige Tausend von ihnen in verstreuten Dörfern entlang der Straße von Mosambik, vor allem zwischen den Städten Morondava und Toliara.
Ein Volk, vereint um das „Hazomanga“
Familie und Älteste nehmen in der sozialen Ordnung der Vezo eine zentrale Rolle ein. Der Älteste unter ihnen, der „Mpitak’hazomanga“, ist das Oberhaupt des Dorfes – nichts wird ohne sein Einverständnis entschieden. Er ist der Hüter des „Hazomanga“, der kultischen Pfähle, die neben seinem Haus in den Boden gerammt sind: eine Art heiliger Altar, um den herum Opfergaben, Gebete und Zeremonien stattfinden. Für die Familien, die sich dort versammeln, ist es ein Ort der Weitergabe von Wissen, Fertigkeiten und Ritualen. Und zugleich ein Ort der Begegnung zwischen Lebenden und Toten. Die Geister der Vorfahren sollen geehrt werden, um Schutz und Glück zu sichern. Allein der „Mpitak’hazomanga“ vermag diese heilige Verbindung zwischen den Familien und ihren Ahnen herzustellen. Im gemeinsamen Gedenken um das „Hazomanga“, in der Vereinigung von Erde und Himmel, von Diesseits und Jenseits, geben die Vezo ihrer Familie Sinn, Bestand und Verbundenheit.
Überliefertes Wissen vom Meer
Ihr Leben widmen die Vezo ganz dem Meer. Ein Kind muss schwimmen lernen, um Teil der Gemeinschaft zu werden. Fragt man es, was es einmal werden möchte, lautet die Antwort mit großer Wahrscheinlichkeit: Fischer. Zumindest, wenn es ein Junge ist. Denn das Fischen ist traditionell Männersache. Als Erben ihrer fernen indonesischen Vorfahren haben die Vezo ein profundes Wissen über die Welt der Meere erworben. Ihre Fangtechniken haben sich im Laufe der Zeit kaum verändert: Netz, Angel oder Harpune beim Freitauchen. Unentbehrliches Werkzeug und Zeichen des Stolzes zugleich ist die „Lakana“ – das traditionelle Auslegerboot mit Segel. Ihr Rumpf wird von Hand aus dem weichen, leichten Holz des Farafatse-Baumes gehöhlt, schmal und spitz zulaufend, um das Wasser mühelos zu durchschneiden. Die Boote sind in leuchtenden Farben gestrichen und mit traditionellen Motiven verziert.
Als Halbnomaden können die Vezo mehrere Wochen, manchmal Monate, an Bord ihrer Lakana verbringen und entlang der Küsten mit den Jahreszeiten wandern, stets auf der Suche nach neuen Fischgründen. Die Jüngeren legen Flossen, Masken und Schnorchel an und tauchen, um Fischschwärme aufzuspüren, während die Älteren rudernd folgen und auf ihr Zeichen warten, um die Netze auszuwerfen. Abends campen sie an den Stränden; die rechteckigen Segel der Pirogen dienen als Zelte. Die Frauen bleiben „zwischen Land und Meer” – zuständig für den Haushalt und die Meeresressourcen nahe der Küste. Bei Ebbe sieht man sie über die Riffe streifen, auf der Suche nach Tintenfischen und Seeigeln. Kehren die Männer zurück, kümmern sie sich um die Aufbereitung des Tagesfangs: Trocknen, Salzen, Verkaufen auf den lokalen Märkten.
Im Namen des Meeres
Wenn das Meer die Kraftquelle der Vezo ist, birgt es zugleich ihre größte Verwundbarkeit. Es ist Schutz und Nahrung und zuweilen auch ungebändigte Bedrohung. Die Vezo feiern seine Reichtümer ebenso, wie sie seinen Zorn fürchten. Denn im Meer ruhen ihre Toten – es ist Brauch der Vezo, ihre Verstorbenen in einer Piroge aufzubahren und sie sanft im Meer versinken zu lassen. Ihre Seelen zu beleidigen, bedeutet, Stürme, Winde und Fluten zu riskieren. Sie zu ehren sichert die Gunst des Ozeans. Und den Ozean zu achten bedeutet für einen Vezo-Fischer auch, seine Ressourcen zu achten. Der Fang darf nie den Bedarf der Gemeinschaft übersteigen. Die kleinsten Fische kommen zurück ins Wasser. Ist der Fang spärlich, bleibt die Klage aus. Sie wäre eine Beleidigung der Geister der Tiefe.
Dennoch hat ein wachsender Fischbedarf in den vergangenen Jahren manches ins Ungleichgewicht gebracht. Als Antwort auf drohende ökologische Störungen hat das Volk der Vezo begonnen, sich zu organisieren. Ein Beispiel dafür ist die Vereinigung Velondriake – „mit dem Meer leben“ im Vezo-Dialekt –, die erste lokal verwaltete Meeresschutzzone Madagaskars, gegründet im Südwesten der Insel. Innerhalb der Vereinigung arbeiten Männer und Frauen als Algenbauern, Tintenfischjäger und -händler, Seegurkenzüchter und Garnelenfischer zusammen. Eine ganze Gemeinschaft, die sich der Bewirtschaftung des Meeresgebiets von 32 Dörfern verschrieben hat, um die Meeresressourcen nachhaltig zu schützen und zu nutzen.
Bekannt für ihre Gastfreundschaft, empfangen die Vezo ihre Gäste mit offenen Armen – stets bereit, nicht nur ihr Können, sondern vor allem ihre Lebensfreude zu teilen. Auf andere zugehen, um nie allein zu sein: das ist ihre Philosophie. Und wo Sprache an Grenzen stößt, sprechen Musik und Tanz – diese universellen Sprachen – für sich. An ihrer Seite kann man einiges über Bescheidenheit lernen – und ein eindrucksvolles Beispiel für menschliche Resilienz erleben.
Fotonachweis: © iStock
Mit PONANT nach Madagaskar
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