Guerseys berühmtester Einwohner: Victor Hugo
Etwa vierzig Kilometer vor der französischen Küste liegt Guernsey – kleiner als Jersey, ruhiger als die Welt, die es umgibt. Eine Insel aus Granit und Grün, mit verwinkelten Kopfsteinpflastergassen und alten Steinhäusern. In der Luft liegt der Geruch von Salzluft und Geschichte. Wer hier von Bord geht, spürt sofort: Dies ist kein Ort, der ein Spektakel veranstaltet. Hier kommt alles zur Ruhe.
Guernsey – Zufluchtsort eines Verbannten
Als Victor Hugo am 31. Oktober 1855 im Hafen von Saint Peter Port anlegte, hatte er bereits vier Jahre im Exil hinter sich. Nach dem Staatsstreich Napoleons III. war er zunächst nach Brüssel geflohen, dann nach Jersey – und nun, nach einem erneuten Verweis, auf diesen kleinen anglo-normannischen Felsen im Ärmelkanal. Was ihn erwartete: eine kleine Stadt an der Westküste der Inseln mit Stadtmauern, gepflasterten Gassen und Steinhäusern mit Charakter.
Hauteville House – ein Haus, gestaltet im Sinne seines Bewohners
In diesem Haus, in seinem sogenannten „look-out” im dritten Stockwerk, stand Hugo täglich dem Meer zugewandt und schrieb. Es entstanden einige seiner bedeutendsten Werke: Er vollendete hier Les Misérables (Die Elenden), schrieb L’Homme qui rit (Der lachende Mann), La Légende des siècles (Die Legende der Jahrhunderte) und Les Travailleurs de la mer (Die Arbeiter des Meeres), einen Roman, der ganz aus dem Geist dieser Insel geboren wurde. Die Kirche Saint-Samson, Vale Castle, die Kraft der Gezeiten – all das findet sich auf den Seiten wieder.
Das „andere“ Meisterwerk
Die Hauteville House ist nicht nur der Ort, an dem Bücher entstanden. Auch das Haus selbst wurde sehr bewusst gestaltet. Hugo hat jedes Detail dieses Hauses entworfen, arrangiert, inszeniert – vom Erdgeschoss bis zum Belvedere. Tapisserien aus dem 18. Jahrhundert, Delfter Fayencen, maßgefertigte Holzarbeiten, Objekte aus aller Welt, jedes an seinem Platz. So sehr entspricht es dem Charakter seines Erschaffers, dass sein Sohn Charles von einem „Autogramm auf drei Stockwerken” sprach.
Wer das Haus heute betritt, folgt einem Weg von der Dunkelheit des Erdgeschosses hinauf in die Helligkeit des Aussichtspavillons. Dabei begegnet man Hugos stillen Botschaften – darunter der berühmten lateinischen Inschrift auf der Tür zum Speisesaal: exilium vita est – das Leben ist ein Exil. Jeder Raum hier erzählt eine eigene Geschichte.
Wer von Guernsey wen mehr geprägt hat – die Insel den Dichter oder der Dichter die Insel –, lässt sich heute kaum noch sagen. Seit 1914 steht Hugos Denkmal in den Candie Gardens von Saint Peter Port, dem Wind zugewandt. Die Insel und ihr Dichter – sie lassen einander nicht los.
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