Ein Naturphänomen, das die Fantasie anregt
Seit 3.000 Jahren zieht ein fantastisches Schauspiel die Menschen in seinen Bann: Lichtschleier, die in der Polarnacht aufflackern, flimmern, tanzen – und ebenso plötzlich wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Aurora borealis im Norden, Aurora australis im Süden. Lange bevor wir die faszinierenden Lichterscheinungen wissenschaftlich erklären konnten, haben sie die Fantasie von Generationen vor uns bewegt. Und obwohl wir die Erklärung heute kennen: Wer die tanzenden Lichter am Himmel das erste Mal erlebt, schaut wieder mit Staunen auf die Welt.
Die erste „Aurora borealis”
Aristoteles beschrieb das Phänomen als „Risse im Nachthimmel, hinter denen man Flammen sieht”. Wer den Begriff „Aurora borealis” als Erster prägte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt – der italienische Astronom Galilei im Jahr 1620 oder der französische Philosoph und Theologe Pierre Gassendi im Jahr 1649? Was feststeht: Irgendwann im 17. Jahrhundert bekamen die rätselhaften Leuchterscheinungen jenseits des nördlichen Polarkreises ihren Namen. Er geht zurück auf Aurora, die antike Göttin der Morgenröte, und ihren Sohn Boreas, den Nordwind.
Eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen begann erst in der Aufklärung – und es dauerte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, bis der norwegische Physiker Olaf Birkeland seinen solaren Ursprung verstand.
Das Magnetfeld der Erde: die unsichtbare Kraft, die uns schützt
Das Magnetfeld der Erde funktioniert ähnlich wie ein Stabmagnet – leicht versetzt gegenüber der Erdrotationsachse. Es entsteht durch den Unterschied zwischen der Rotationsgeschwindigkeit unseres Planeten und den komplexen Strömungen im flüssigen äußeren Erdkern, wie ein gewaltiger Dynamo.
Der Bereich des Weltraums, in dem das Magnetfeld liegt, heißt Magnetosphäre – eine turbulente, hochdynamische Region, die sich ständig verändert und uns vor kosmischer Strahlung sowie energiereichen Sonnenteilchen abschirmt. Genau dort, wo der Sonnenwind auf die Magnetosphäre trifft, entstehen die Polarlichter.
Außerirdische Polarlichter
Die Erde hat kein Monopol auf dieses Schauspiel. Überall dort, wo ein Magnetfeld existiert, können Polarlichter entstehen – auf anderen Planeten unseres Sonnensystems ebenso. Raumsonden haben „tanzende Lichter” auf Uranus, Saturn und Jupiter dokumentiert. Auf Jupiter sind sie 100-mal intensiver als auf der Erde – und permanent sichtbar. Da Jupiter weit von der Sonne entfernt ist, verdankt er sein Polarlicht vor allem seinem vulkanischen Mond Io. Und selbst der Mars überrascht: Obwohl er kein globales Magnetfeld besitzt, haben Teile seiner Oberfläche Überreste eines fossilen Magnetfelds bewahrt – genug, um auch hier die kosmischen Lichtschleier zu erzeugen.
Anna Boberg, „Künstlerin der Arktis”
So nannte sie sich selbst, und es passt. Die in Stockholm geborene Anna Boberg (1864–1935) besuchte die Académie Julian in Paris, wo sie Malerei und Bildhauerei studierte, bevor sie sich der Keramik und Glaskunst zuwandte. 1901 reiste sie zum ersten Mal nach Norwegen und zu den Lofoten. Die Schönheit des Archipels ließ sie nicht mehr los – über 30 Jahre kehrte sie zurück, sommers wie winters. Sie malte farbenfrohe Holzhäuser und Fischerboote, stille Berge und Dämmerungsszenen. Gletscher, die Mitternachtssonne, die Polarlichter – ihr Werk Nordlicht, Studie aus Nordnorwegen zeigt die Aurora borealis als das, was es für sie war: eine poetische Symphonie am Himmel.
Pfad der Toten, Feuerfüchse und Ritt der Walküren
Als Menschen, die das Nordlicht besser kannten als irgendwer sonst, webten die skandinavischen Völker unzählige Mythen um dieses Himmelsphänomen. Für die Inuit waren die Arsaniit die Feuerfackeln der Vorfahren, die Seelen der Verstorbenen auf ihrem letzten Weg leitend. Die Finnen nannten das Nordlicht Revontulet – „Feuerfüchse”: arktische Füchse, die mit solcher Geschwindigkeit über den Himmel rasten, dass ihre schimmernden Schwänze die Berggipfel streiften und Flocken aufwirbelten, die das Mondlicht reflektierten. Die Samen in Lappland sahen in den Lichtern Unglücksvögel, Verkörperungen der Seelen der Toten. Man schwieg in ihrer Gegenwart, vermied Gesang und Pfeifen – um die Aufmerksamkeit der Toten nicht auf sich zu lenken. Für die Wikinger hingegen spiegelten die Nordlichter die Rüstungen der Walküren wider, jener Kriegerinnen, die Odin auf die Erde sandte, um die besten gefallenen Helden nach Walhalla zu geleiten – bereit für Ragnarök, die Endschlacht, aus der die Welt neu entstehen sollte. Das Nordlicht wurde mit dem Bifröst gleichgesetzt, dem „glitzernden Pfad”, der als Regenbogenbrücke Midgard – die Erde – mit Asgard – der Heimstätte der Götter – verband.
Wann kann man Polarlichter sehen?
Wann kann man Polarlichter sehen?
Polarlichter zeigen sich in der Nacht, vor allem im Winter, jenseits der Polarkreise – dort, wo die Nächte lang, dunkel und manchmal fast endlos sind. Die nördlichen Polarregionen in Norwegen, Kanada oder Finnland zu erreichen ist dabei deutlich einfacher als in die Antarktis zu fahren. Wer die Aurora borealis im Norden sehen möchte, reist am besten zwischen September und April. Für die Aurora australis im Süden ist der Zeitraum um die Sommersonnenwende der Nordhalbkugel – den 21. Juni – ideal. Wer seine Chancen maximieren möchte, plant seine Reise rund um die Termine der Sonnenwende: dem 21. Dezember für die Nordhalbkugel, dem 21. Juni für die Südhalbkugel.
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