Am Rand der Welt
Am Nordpol, am Ende jeder Landkarte, beginnt eine Geschichte, die ganz und gar nicht alltäglich ist. Auf einer Erkundungsfahrt der Le Commandant Charcot begleiten zwei Männer aus Grönland die Reise: Ole Eliassen und Adam Eskildsen, aufgewachsen in Grönland, mit dem Packeis vor der Haustür. Ihr Wissen, über Generationen gesammelt und weitergegeben, ermöglicht den Naturführern an Bord Einblicke in eine Welt, die man nicht aus Büchern erhalten kann. Als das Schiff schließlich 90 Grad Nord erreicht, wird aus einer Expedition ein gemeinsamer Moment – getragen von Respekt vor dem Eis, von neuen Freundschaften und von der Gewissheit, an einem Ort zu stehen, den nur wenige Menschen je erreichen.
Ins Packeis – mit den Experten Ole und Adam
Auf der Erkundungsfahrt der Le Commandant Charcot zum Nordpol begleiteten zwei Grönländer die Teams an Bord: Ole Eliassen und Adam Eskildsen. Ihr Auftrag: den Gästen die Arktis so zu zeigen, wie sie sie selbst kennen – durch ihre alltägliche Erfahrung und das Wissen, das seit Generationen in ihren Familien weitergegeben wird. Auf dieser Reise öffneten Ole und Adam die Tür zu einem Reich, das nur wenige wirklich verstehen: das Packeis.
Aus Kullorsuaq zur Le Commandant Charcot
Ole Eliassen und Adam Eskildsen kommen aus Kullorsuaq, einem Dorf im Nordwesten Grönlands. Der Name bedeutet „der berühmte Daumen“ – eine Anspielung auf den markanten Berggipfel, der über der Siedlung aufragt. Kullorsuaq liegt an der Westküste, nahe Upernavik, in der Melville-Bucht. Rund 400 Menschen wohnen hier, die meisten von ihnen leben noch heute vom Fischfang und von der Jagd. Mit ihren Hundeschlitten durchqueren sie einen Großteil des Jahres das Packeis vor der Küste. Erreichbar ist das Dorf nur mit dem Boot oder – wenn das Wetter es zulässt – mit dem Flugzeug. Kullorsuaq zählt zu den traditionsreichsten Orten Grönlands: bunte Holzhäuser, viele Kinder, eine junge Bevölkerung. Und als größter Spielplatz von allen: das Eis selbst.
Unsere Verbindung nach Grönland
Wer hätte gedacht, dass Ole und Adam eines Tages so weit und so lange von Kullorsuaq fort sein würden? Der Nordpol – selbst für die Menschen in Grönland ein kaum vorstellbares Abenteuer. Was wissen sie über dieses unzugängliche Gebiet? Wenig, außer dass dort das Eis regiert, dass die Gegend menschenleer, wild und lebensfeindlich ist. Und damit ist ihre Vorstellung vermutlich wesentlich realistischer als die der meisten Menschen, die den Traum haben, dorthin zu gehen. Diesen Punkt an der Spitze der Welt zu erreichen, ist eine symbolische, fast mythische Wegmarke. Auch wenn der Pol selbst nicht das eigentliche Ziel war und der Abschied von der Familie nicht leichtfiel – Adam und Ole ergriffen die Gelegenheit, aufzubrechen und neue Menschen kennenzulernen. Um mit ihrem Dorf verbunden zu bleiben, half moderne Technologie. Auf ihren Smartphones konnten die Menschen zuhause diese Reise in Echtzeit mitverfolgen.
Experten des Packeises
Packeis kann trügerisch sein. Für Ungeübte ist kaum zu erkennen, wo das Eis trägt und wo es porös und brüchig wird. Die Einwohner Grönlands aber kennen sich aus – sie haben die Erfahrung, ein untrügliches Gespür für den Zustand des Meereises. Und sie haben sich ihre eigenen Werkzeuge geschaffen: die tuut, lange Stöcke mit einer robusten Metallklinge an der Spitze. Damit klopfen sie auf das Eis, prüfen seine Härte, spüren Schwachstellen auf und stecken einen sicheren Bereich ab. Die Bedingungen sind immer im Fluss, eine Überraschung ist immer möglich. Wachsamkeit und Demut, betonen Adam und Ole, seien die einzigen verlässlichen Regeln.
„Sobald du dich auf dem Packeis sicher fühlst, wird es gefährlich.“
(Adam und Ole)
90° Nord: ein gemeinsames Gefühl
Am Morgen des 6. September verfolgten Adam und Ole gemeinsam mit den anderen an Bord, den Atem angehalten, die GPS-Position auf den Bildschirmen der Brücke. Als der Kapitän bei 90 Grad Nord einen Freudenschrei ausstieß und sich die Offiziere in die Arme fielen, spürten auch sie die ganze Wucht dieses Augenblicks. Mit Tränen in den Augen teilten sie Umarmungen und Freude mit ihren neuen Weggefährten – im Bewusstsein, wie selten dieser Ort zu erreichen ist, und dass sie mit dieser Reise Teil der großen Geschichte der Polarforschung wurden. Für die Freude an einem solchen Moment braucht es keine gemeinsame Sprache.
Zwischen Tradition und Moderne
An Bord der Le Commandant Charcot suchten Adam und Ole ständig das Gespräch, den Austausch, die Begegnung. Sie nahmen an der Sicherheitsübung am Pol teil, verbrachten die Nacht ohne zu zögern im Freien, hielten Ausschau nach Eisbären rund um das Lager und erkundeten entlegene Formationen im Packeis. Abends nutzten sie den beheizten Pool an Bord, um endlich richtig schwimmen zu lernen – mit sichtlicher Begeisterung. Innerhalb weniger Tage waren die beiden vollständig in die Bordgemeinschaft hineingewachsen. Sie lernten französische Wörter und brachten im Gegenzug der Crew Grönländisch bei. Ihre Freundlichkeit und Offenheit gaben der Reise eine menschliche Tiefe, die niemand erwartet hatte, und ließen echte Freundschaften entstehen. Beim Abschied trafen die Traditionen noch einmal aufeinander – bewegend, mit Seemannsliedern und grönländischen Gesängen, und mit einem symbolischen Geschenk: Ole überreichte dem Kapitän seine Handschuhe aus Eisbärenfell.
Die Erfahrung weitergeben
Ihr Wissen zu teilen und den Guides einige Handgriffe zu zeigen, mit denen sich ein sicherer Bereich auf dem Eis bestimmen lässt, war für die Teams an Bord eine besondere und wertvolle Erfahrung – nicht zuletzt, weil dieses Wissen normalerweise vor allem mündlich weitergegeben wird, von Generation zu Generation, durch Beobachtung und Erzählung.
Bildnachweise: © Ian Dawson / © Nicolas Dubreuil / © Studio PONANT
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