Sinnsuche in Grönland
Vom Informatik-Dozenten zum Meister des Eises: Nicolas Dubreuil hat Grönland zu seiner Wahlheimat gemacht. Seit mehr als dreißig Jahren erkundet „Niko“ dieses Land der Gegensätze auf außergewöhnliche Expeditionen, von denen dieser Wahlgrönländer immer wieder gern erzählt.
Vom Hörsaal zum Horizont
Mit 18 Jahren betritt Nicolas Dubreuil zum ersten Mal Eis. Von Port McNeill, einer kleinen Küstenstadt in British Columbia, bricht er mit einem Freund seiner Eltern nach Alaska auf. Die Reise wird zu einer Lektion im Überleben im hohen Norden – und der Beginn einer Faszination, die ihn nie wieder loslassen wird.
Zu dieser Zeit studiert der junge Franzose Informatik in Paris. Er schließt das Studium ab, wird Dozent an der Université Louis Pasteur in Straßburg. Doch hinter dem Wissenschaftler wartet schon immer der Entdecker: Skitouren in Schweden, Kajakexpeditionen in Alaska. Den Zusammenhang zwischen Forschung und Exploration empfindet er als selbstverständlich. „Die ständige Neugier, dieser Wille, zu entdecken und weiterzugeben – das hat mich angetrieben. Die akademische Forschung hat meinen Geist als Polarentdecker geprägt.“
Zehn Jahre lang pendelt er zwischen Hörsaal und Polareis. „Da steckte viel Ego drin. Der Wunsch, etwas zu beweisen. Mir selbst, den anderen.“ Es braucht einige Jahre, bis er sich die eigentliche Frage stellt: Was zieht ihn immer wieder dorthin?
Bis zu einem Februartag im Jahr 2001 – dem ersten Tag vom Rest seines Lebens. „Ich befand mich an der Nordküste Grönlands. Das Eis brach ein, ich fiel ins Wasser. Man ist im Dunkeln, von der Kälte gepackt, ohne jeden Halt. Ich glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen. Dieses Ereignis hat mein Leben von Grund auf verändert.“ Gerettet wird er von Titus, einem Einwohner Upernaviks, der mit seiner Familie in der Nähe fischte. „Dieser Mann hat sein Leben für mich riskiert. Eine Schuld, die sich nicht begleichen lässt. Er hat mir vieles über das Überleben in Grönland beigebracht – hätte ich einen Sohn, hätte ich ihm seinen Namen gegeben.“
„Im Krankenhaus von Upernavik hatte der grönländische Arzt, der mich behandelte, noch keinen Mann lebend aus einem Einbruch in die Eisdecke zurückkehren sehen. Meine körperliche und mentale Verfassung – und dass ich schwimmen konnte – haben den Unterschied gemacht.“
Ein neues Leben in Grönland
Mit 34 Jahren verlässt Nicolas Dubreuil die Universität endgültig. Er finanziert seine Expeditionen durch Vorträge, begleitet Wissenschaftler auf ihren Reisen, unterstützt Filmteams in unwirtlichem Gelände. 2005 beginnt er seine Arbeit bei PONANT als Naturführer, später als Expeditionsleiter. Weit entfernt von egozentrierter Abenteuersuche findet er dort „ein pädagogisches Werkzeug von außerordentlichem Wert – einen Weg, Gäste und indigene Gemeinschaften einander wirklich näher zu bringen“.
„Um die Welt neu zu denken, müssen wir sie verstehen. Und um sie besser zu verstehen, müssen wir verändern, wie wir sie erkunden.“
Nach seinem Unfall treibt ihn eine tiefe Sinnsuche an. Nicht mehr der wissensbeladene „Professoren-Entdecker“ – Nicolas Dubreuil will aus seiner Komfortzone heraus und alles über diese Welt aus Eis und ihre Menschen lernen. 2009 kauft er ein Haus in Kullorsuaq: ein traditionelles Dorf mit vierhundert Einwohnern, Jäger und Fischer, an der Einfahrt zur Melville-Bucht im Archipel von Upernavik, an der Nordwestküste Grönlands.
„In diesem Moment hat mein Leben eine völlig andere Richtung genommen. Ich begann, das Abenteuer wie ein Einheimischer zu leben – obwohl vor Ort niemand damit gerechnet hatte, dass ich zurückkehren würde, auch wenn alle durch das Radio von meinem Unfall gehört hatten.“
Im Kontakt mit den Dorfbewohnern lernt „Niko“, Hunde anzuschirren und Schlitten zu fahren, Bär und Robbe zu jagen, Heilbutt zu fischen, Harpunen und Kajaks zu bauen. Vor allem aber lernt er Grönländisch – das Inuktitut, diese agglutinierende Sprache der Eskimo-Aleutischen Familie. Der Schlüssel zu einer ganz eigenen Kultur.
Mehr über Kullorsuaq
Lage: Gemeinde Avannaata, nördlichste Insel des Upernavik-Archipels
Einwohner: 453 (2020)
Entfernung von Nuuk: 1.175 KIlometer
Fluganbindung (sehr eingeschränkt): Nuussuaq Heliport und Aappilattoq-Upernavik Heliport
Nächstgelegene Stadt: Upernavik
Klima: Durchschnittlich negative Temperaturen neun Monate im Jahr
Eine Welt, geprägt von Anpassung
Kullorsuaq ist nach wie vor äußerst abgelegen, wenig hat sich geändert, seit französische Forscher in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts hier waren. „Das ist das Grönland das schon Paul-Émile Victor vorgefunden hat!“, erklärt der Abenteurer. „Stellen Sie sich vor: Alltagsszenen, die im Museum der Hauptstadt Nuuk als historische Rekonstruktionen gezeigt werden, sind in Kullorsuaq noch immer gelebte Gegenwart.“
Auf dieser Insel, wo nichts wächst, ist die Jagd kein Sport, sondern Lebensgrundlage. Eine Subsistenzjagd, niemals Trophäenjagd. „Wenn dem Jäger eine Robbe begegnet, dann weil die Natur sie auf seinen Weg geschickt hat.”
„Für diese animistischen Völker sind Mensch und Natur eine Einheit. Das Grönländische kennt kein eigenes Wort für ‚Natur’!“
Kullorsuaq ist eine Welt für sich, tief verwurzelt in ihren Traditionen – und doch: Die Bewohner haben Internet, tanzen zu Britney Spears, kennen die Namen von Fußballspielern aus aller Welt. „Sie wissen sehr viel mehr über uns als wir über sie“, sagt Nicolas Dubreuil. „Kullorsuaq ist kein Museum, sondern eine Gesellschaft, die lebt und sich wandelt.“ Anders als westliche Ansätze, die oft auf Kontrolle und Beherrschung der Natur ausgerichtet sind, handeln die Inuit nach dem Prinzip des Akzeptierens, des Respektierens, des Wartens – und des Anpassens.
Vielleicht – oder auch nicht
„Imaqa“ – vielleicht. Ein Ausdruck, der wie kein anderer das Leben der Grönländer beschreibt. „In Kullorsuaq ist alles imaqa, denn alles wird von dieser starken, unberechenbaren Natur bestimmt“, sagt Nicolas Dubreuil. Eine Natur, die gleichzeitig fordert und nährt – und angesichts derer er sich tief lebendig fühlt, am richtigen Ort. Diese Polarregionen erscheinen ihm als Korrektiv gegenüber einer westlichen Moderne, die manchmal zu sehr von sich selbst überzeugt ist.
„Silarsuaq sikullu kisimi naagalavoq“
(Nur das Wetter und das Eis sind die Herren. Grönländisches Sprichwort.)
Dieses Leben im Konjunktiv, das Gefühl des Loslassens – das ist es, was Nicolas Dubreuil seinen Gästen mitgeben möchte. Als Mitgründer von SEDNA, einem auf Polarexpeditionen spezialisierten Touranbieter, will er die Art zu reisen in diesen entlegenen Regionen von Grund auf verändern.
Für Nicolas Dubreuil beginnt das damit, den Indigenen das Wort zu geben. Er sieht sich als stiller Vermittler, Verfechter der „teilnehmenden Beobachtung“ – einer, der Raum lässt, damit Begegnungen zwischen Gästen und Gastgebern von selbst entstehen. Eine Möglichkeit, den Reisenden jenes Gefühl tiefer Menschlichkeit zu schenken, das ihn bei seiner Ankunft in Kullorsuaq empfangen hatte. Ihnen beizubringen, sich einzulassen, ihre Vorstellungen loszulassen und ihren Platz in dieser überwältigenden Natur zu finden.
„Man kann nicht mehr reisen, nur um zu reisen. Die Reise muss eine Bedeutung haben, eine neue Sprache sprechen.“
SEDNA
Um die Zusammenarbeit für einen verantwortungsvollen Abenteuertourismus noch weiter zu entwickeln – getragen von der Zusammenarbeit mit den lokalen Bevölkerungen und dem wissenschaftlichen Austausch in Polarzonen – schließt sich Nicolas Dubreuil 2021 einer Gruppe von vier Polarenthusiasten an. Gemeinsam gründen sie die Expeditionsgesellschaft SEDNA.
Auf Wunsch der Einwohner von Kullorsuaq starten von dort Schlittenexpeditionen in bislang unerforschte Gebiete. Das Ziel ist nicht allein die Erkundung – sondern auch die Bewahrung einer bedrohten Kultur und ihre Weitergabe an die nächste Generation.
„Die Grönländer können in den Seelen der Menschen lesen. Sie achten auf jede kleinste Geste, wenn sie mit jemandem sprechen, dessen Sprache sie nicht teilen.“
Was Nicolas Dubreuil heute am meisten bewegt: junge Grönländer, die sich wieder Hunde und Schlitten anschaffen, um in die Fußstapfen ihrer Eltern und Großeltern zu treten und ihre Traditionen und das Wissen der Älteren zu erhalten. In dieser Begegnung zweier Welten, die er behutsam moderiert, hat er „einen Weg gefunden, den Grönländern einen Teil ihrer Würde zurückzugeben“.
Bildnachweise: ©PONANT / Ian Dawson ; © François Lefebvre ; © PONANT / Julien Fabro ; © Nicolas Dubreuil
Mit PONANT nach Grönland
Auf den Spuren der Völker des Hohen Nordens: Entdecken Sie Grönland auf einer Kreuzfahrt mit PONANT Explorations.


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