Die keltische Seele am Rand des Ozeans
Über 240 Kilometer erstrecken sie sich am äußersten Zipfel Nordwesteuropas. Die Inselgruppen der Inneren wie Äußeren Hebriden erheben sich vor der schottischen Westküste: Inseln am Ende der Welt, deren Geschichte in Mythen gehüllt ist, deren Küsten der Ozean bearbeitet und deren Landschaften sich ins Gedächtnis einprägen. Über die Faszination einer rauen Landschaft.
In den Nebeln der Isle of Skye
Als größte Insel der Inneren Hebriden setzt die Isle of Skye sofort den Ton. Die gezackten Gipfel der Cuillin Hills zerschneiden einen Himmel, der seine Stimmung im Stundentakt wechselt. Weite, nebelgetränkte Heidelandschaften rollen bis zu den Ufern verschwiegener Lochs – eine Poesie, die sich nicht erklären, nur fühlen lässt.
In Portree hält man unwillkürlich inne: Die bunten Fassaden des kleinen Hafens spiegeln sich im ruhigen Wasser und machen das Dorf zum natürlichen Ausgangspunkt für die Sehenswürdigkeiten der Insel. Der Old Man of Storr, eine 50 Meter hohe Basaltsäule, thront über dem Trotternish-Rücken wie ein steinerner Wächter. Und wer den Spuren des Clan MacLeod folgt, findet sich schließlich in Dunvegan Castle wieder – ein Ort der Geschichte atmet.
„Die schottischen Archipele wie die Hebriden haben Besonderheiten, die die deutlichen Unterschiede zwischen Schottland und England widerspiegeln. Jede dieser Inseln hat ihre eigene Identität und zeugt vom Reichtum und der Vielfalt der britischen Inseln.“
Anne-Marie Harrison, PONANT Gästeführerin
Die stille Welt der Insel Mull
Weiter südlich hält Mull der spärbaren Energie von Skye eine ganz eigene Ruhe entgegen. Vom Gipfel des Ben More dominiert, birgt diese Insel einige der eindrucksvollsten Landschaften des Archipels. Ihre Küsten sind Lebensraum für eine außergewöhnliche Tierwelt: Seeadler, die lautlos über den Lochs kreisen, und Fischottern, die sich vielleicht genau im richtigen Moment am Ufer zeigen.
In der Inselhauptstadt Tobermory schläft im Schatten der pastellfarbenen Hafenhäuser eine Legende: Irgendwo auf dem Grund der Bucht soll ein spanisches Galeonen-Wrack mit seinem verlorenen Schatz liegen. Und doch ist das größte Abenteuer von Mull ein anderes: die Überfahrt zur Insel Staffa. Diese Kathedrale aus Basalt beherbergt die Fingalshöhle, deren spektakuläre Akustik Mendelssohn zu seiner Ouvertüre Die Hebriden inspirierte. Wer hier steht, hört fast von selbst, was den Komponisten bewegt haben muss.
Iona – Wiege des christlichen Schottlands
Eine Handvoll Erde, die Geschichte machte. Im 6. Jahrhundert landete der Missionar Columba auf Iona und gründete das Kloster, das die schottische Geschichte für immer verändern sollte. Die Abtei, auf demselben Fundament erbaut, trägt diese stille Größe bis heute.
Die Insel wurde zum geistlichen Leuchtturm eines ganzen Volkes – und zur Begräbnisstätte seiner Könige. Der legendäre Macbeth soll hier ruhen. Hohe keltische Kreuze, in Stein gemeißelte Meisterwerke, erinnern an vergangenen Ruhm. Und obwohl die Erinnerung an Wikinger-Überfälle schwer auf dieser Erde liegt, hat Iona etwas bewahrt, das sich sofort spüren lässt: eine tiefe, unberührte Stille.
„Auf manchen Inseln zeigen DNA-Analysen eine starke Präsenz weiblicher Wikinger-DNA. Das legt nahe, dass Männer getötet und Mischehen geschlossen wurden. Dieser wikingische Einfluss ist noch heute in Traditionen und Ortsnamen dieser Regionen erlebbar.“
Anne-Marie Harrison, PONANT Gästeführerin
Die Ursprünge des Book of Kells
Das Book of Kells zählt zu den schönsten Manuskripten der Welt und ist ein absolutes Meisterwerk mittelalterlicher Buchkunst. Seine Entstehung ist untrennbar mit der Stille von Iona verbunden: Um das Jahr 800 begannen Mönche hier mit der Arbeit an diesem Schatz der Buchmalerei, der heute in Dublin gehütet wird. Denn als Wikinger-Überfälle die Insel bedrohten, flohen die Männer nach Irland – das unvollendete Werk im Gepäck, das schließlich im Kloster von Kells seinen letzten Pinselstrich erhielt.
Vogelbeobachtung auf dem vulkanischen Lunga
„Grünes Juwel im blauen Meer” – Lunga, Teil der Treshnish-Inseln, trägt seinen Beinamen zu Recht. Basaltfelsen rahmen ein Hochplateau, auf dem sich die Überreste alter Black Houses in die Heide schmiegen – stille Zeugen einer verschwundenen Welt. Heute bleibt die Insel den Vögeln überlassen. Zehntausenden.
Der Papageitaucher empfängt seine Besucher mit bemerkenswert wenig Scheu und mustert sie mit freundlichem Blick – der bunte Schnabel leuchtend im Sonnenlicht. Ringsum bevölkern Trottellummen, Tordalken und Eissturmvögel die Felskanten, während sich auf den Felsen am Wasser Seehunde in der Sonne räkeln.
Spazieren in Canna, dem „Garten der Hebriden“
Der Beiname ist verdient. Auf Canna hat sich derselbe Basalt, der andernorts steile Klippen formt, im Laufe der Jahrtausende in außergewöhnlich fruchtbaren Boden verwandelt. Diese Fruchtbarkeit machte die Insel einst zur Kornkammer der Hebriden – heute zeigt sie ein üppiges Grün, durchsetzt vom Braun seltener Gehölze.
Der Aufstieg zum Càrn a’ Ghaill belohnt mit einem 360-Grad-Panorama, das lang im Gedächtnis bleibt. Ebenso unvergesslich ist der Compass Hill – der „Kompassberg”. Das vulkanische Gestein dieses Hügels ist so eisenreich, dass Schiffskompassnadeln in seiner Nähe die Orientierung verlieren. Eine geologische Kuriosität, die man gesehen haben muss.
Das Rätsel der Standing Stones von Calanais
Hier gilt ein anderer Maßstab, eine andere Atmosphäre: Willkommen auf Lewis and Harris, der größten schottischen Insel und Tor zu den Äußeren Hebriden. Eine Insel mit zwei Gesichtern: Im Norden breitet Lewis seine mondartigen Landschaften aus – endlose, windgepeitschte Torfmoore. Im Süden antwortet Harris mit schroffen Bergen und Stränden in Lagune-Blau.
Und inmitten dieser Landschaft finden wir eines der rätselhaftesten Denkmäler Europas. Der Steinkreis von Calanais – dreizehn Gneismonolithen, vor fast 5.000 Jahren in Kreuzform in den Boden gerammt. Mondbeobachtungsstätte? Religiöses Heiligtum? Die Antwort kennt niemand. Wenn die Abendsonne ihre Schatten über die Heide legt, scheinen diese Steinriesen sich zu strecken und ihren Dienst anzutreten: auf ewig über die Insel zu wachen.
„In den schottischen Archipelen finden sich bemerkenswerte Megalith-Monumente, die teilweise älter sind als das bekannte Stonehenge. Bauwerke, die von einer wohlhabenden, hochorganisierten Gesellschaft zeugen – faszinierende Hinterlassenschaften einer prähistorischen Kultur.“
Anne-Marie Harrison, PONANT Gästeführerin
Harris Tweed – der Stoff der Hebriden
Mehr als ein Textil – Harris Tweed ist die gewebte Seele dieser Inseln. Es ist der einzige Stoff der Welt, den ein Parlamentsgesetz schützt: Jeder Meter wird von hand- und heimwerkenden Handwerkern in den Äußeren Hebriden gesponnen, gefärbt und gewoben.
Die Magie seiner Farben entsteht, weil die Wolle vor dem Spinnen gefärbt wird und dabei die Nuancen der Landschaft aufnimmt: das Lila der Heide, das Grau der Felsen, das Blaugrün der Lochs. Ein Handwerk, das durch das Gütezeichen mit der Malteserkreuz-Kugel weltweit zertifiziert ist.
Hirta – die Insel der Vogeljäger
Letzter Archipel vor dem offenen Atlantik: St. Kilda ist ein Ort von ergreifender Schönheit. Auf Hirta, der Hauptinsel, wandelt man auf den Spuren einer verschwundenen Gemeinschaft. 1930 baten die letzten Bewohner selbst um ihre Evakuierung – ihr jahrtausendealtes Leben, das auf der Jagd nach Seevögeln aufgebaut war, ließ sich der Isolation nicht länger abringen.
Das verlassene Dorf mit seinen Ruinen erzählt seine Geschichte leise, aber eindringlich. Überall auf dem Gelände stehen die rätselhaften Cleitean: steinerne Vorratsbauten, in denen die Vogeljäger ihre Beute konservierten. Heute ist dieses UNESCO-Welterbe das Reich der Basstölpel, deren Kolonien die Klippen mit einem weißen Mantel überziehen. Ein Ort, an dem die Geschichte des Menschen und die Kraft der Natur einander begegnen – und man unweigerlich innehält.
Zur Vorbereitung: Die schottische Trilogie von Peter May
Düstere Moorlandschaften, Wellen, die gegen Klippen brechen, peitschender Regen – wer sich für die Seele der Hebriden empfänglich machen möchte, liest zuvor die Lewis-Trilogie von Peter May. Der Autor verbrachte fünf Jahre auf der Insel Lewis und machte diese unerbittliche Naturlandschaft zur eigentlichen Hauptfigur seiner Kriminalromane.
Crédits photos : ©iStock / ©StudioPONANT/Laurence Fischer/Joanna Marchi/Emmy Apoux/Morgane Monneret/Soa Lesport/Margot Sib/Ophélie Bleunven
Mit PONANT nach Schottland
Die ungezähmte Natur der Hebriden wartet auf Sie.


