Ein Gespräch mit der Historikerin Marion du Bron
Die Ankunft der Spanier in Mittelamerika im 16. Jahrhundert erschütterte nicht nur lokale Traditionen, sondern veränderte auch den Lauf des Welthandels. Marion du Bron, Historikerin und Spezialistin für Geschichte und Zivilisationen, gibt Einblick in diese tiefgreifenden Transformationen.
Wie war die Situation in Mittelamerika, als die Spanier hier ankamen?
Der mesoamerikanische Raum erstreckte sich über weite Teile des heutigen Mexiko, Guatemala, Belize und Honduras. Noch heute erkennt man ihn sofort an seinen alten Städten mit ihren Pyramidentempeln. Seit mindestens der Mitte des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung teilten die Kulturen dieser Region eine gemeinsame Vorstellungswelt: dieselben Mythen, dieselbe Zeitrechnung, dieselbe Urbanistik, dieselben Ernährungsgewohnheiten, Materialien und Handwerkstraditionen. Eine jahrtausendealte, in sich geschlossene Zivilisation.
Was trieb die Entdecker an?
Die katholische Monarchie suchte unablässig nach einer Handelsroute nach Asien, die den Westen umging. Spanische und portugiesische Seefahrer wie Vasco de Gama, Christoph Kolumbus und Ferdinand Magellan vervollständigten das Bild der Welt und öffneten die Routen nach Asien, die Philippinen fest im Blick. Mit der Eroberung des Archipels ab 1521 verfügte die Krone endlich über eine Handelsbrücke nach Asien, über die Verbindung Manila-Acapulco. Gewürze, Seide, chinesisches Porzellan und edle Hölzer flossen aus Asien herein, im Tausch gegen das Silber aus den Minen Mittelamerikas.
Welche Auswirkungen hatte diese Begegnung zwischen der Alten und der Neuen Welt in der Kunst?
Die sakrale und dekorative Kunst Neuspaniens wurzelt in der hispanischen Tradition, die ihrerseits von arabisch-maurischen Einflüssen des Mittelalters sowie flämischen und italienischen Impulsen der Renaissance geprägt war. Die Künstlerinnen und Künstler Neuspaniens nahmen diese Einflüsse auf und gaben ihnen eine neue Form: Sie mischten die hispanisch-maurischen und hispanisch-flämischen Vorlagen mit lokalen Traditionen, orientalischen Stilelementen und, in geringerem Maß, afrikanischen Einflüssen. Was entstand, war eine Kunst, die all diese Einflüsse vereinte.
Welche Techniken kennzeichnen diese Barocktradition?
Besonders verbreitet war die Estofado-Technik: bemalte Holzskulpturen, die mit Gold- oder Silberfarbe veredelt wurden und die Altartafeln bevölkerten. Ihre Ausdruckskraft war enorm, ob in der Darstellung des Heiligen Josef, des Christus, der Jungfrau oder der Maria Magdalena.
Daneben gab es eine starke Nachfrage nach leicht transportierbaren Bildwerken für Hausaltäre und die zahllosen Feste, die den Kalender auch in abgelegenen Ortschaften prägten. Um sie so leicht wie möglich zu halten, griffen die Handwerker auf einheimische Materialien zurück, darunter eine Paste aus Maisrohr.
War der westliche Einfluss der einzige, der das mesoamerikanische Kunstschaffen prägte?
Mit der Öffnung nach Asien kamen neue Objekte ins Land, darunter der Biombo, ein japanischer Paravent, der bei den Adligen des Vizekönigreichs großen Anklang fand. Blumenmotive und vergoldete Wolken verrieten chinesische oder japanische Herkunft und traten neben Themen, die durch und durch kreolisch waren. Nirgendwo sonst erprobten die Künstler Neuspaniens so viele Techniken auf einmal: westliches Ölgemälde, orientalische Perlmutteinlagen oder Dekorationsmalereien aus dem späten 17. Jahrhundert, wie sie im Jahr 2003 bei Renovierungsarbeiten in einem Haus in Guatemala gefunden wurden.
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Angeregt durch ihre Erfahrungen mit Paravents, weiteten die Künstler Neuspaniens die Möglichkeiten der Perlmutteinlage aus. Die daraus entstandene Technik des Enconchado verbindet Gravur, Ölmalerei und orientalische Perlmutteinlagen zu einer ganz eigenen Bildsprache.
Bildnachweis: © Istock
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